Einleitung
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Seit Charles Darwins On the Origin of Species (1859; dt.: Über die Entstehung der Arten) bildet die biologische Evolution eine der tragenden Säulen unseres naturwissenschaftlichen Weltbilds und wird Umfragen zufolge auch von der überwiegenden Mehrzahl der Menschen als Tatsache akzeptiert, in Deutschland von stolzen 81 Prozent. Viele Erkenntnisse der modernen Evolutionsbiologie sind einer größeren Öffentlichkeit jedoch unbekannt, Missverständnisse und Fehleinschätzungen sehr verbreitet.
Damit meine ich nicht die Menschen, die, wie die Kreationisten in den USA und große Teile der muslimischen Welt, die Evolutionslehre aus weltanschaulich-religiösen Gründen ablehnen und sie sogar aus den Lehrplänen der Schulen verbannen, als haftete ihr etwas teuflisch Ansteckendes an, das Kinder schon beim geringsten Kontakt mit diesen Ideen verderben würde.
John Endler, ein prominenter Evolutionsbiologe, von dem später noch die Rede sein wird, berichtete in diesem Zusammenhang von einem aufschlussreichen Erlebnis. Er saß im Flugzeug und las in einem Buch über die Entstehung neuer Arten. Sein Sitznachbar wurde neugierig und fragte ihn, was er denn lese. Daraufhin entspann sich ein angeregtes Gespräch, in dem Endler natürliche Selektion, Evolution und Artbildung erklärte, jedoch ohne diese Begriffe zu verwenden. Sein Nachbar zeigte sich fasziniert, stellte interessierte und gute Fragen und bat ihn schließlich um Lektüretipps. Nun, am besten sei es, mit Darwin zu beginnen, antwortete Endler. Kaum hatte er den Namen ausgesprochen, errötete der Mann, wandte sich ab und sagte bis zur Landung kein Wort mehr.
Es geht also nicht um Argumente, nicht einmal um die zugrundeliegenden Phänomene. Manche Begriffe und Namen sind wider jede Vernunft derart vergiftet worden, dass man sie gegenüber bestimmten Menschen nicht mehr verwenden kann, ohne Abwehrreflexe auszulösen.
Hier geht es aber um etwas anderes. Viele Menschen, die von der Existenz einer Evolution überzeugt sind, glauben, sie habe sich vor allem in der fernen Vergangenheit abgespielt und werde wohl auch in der weiten Zukunft stattfinden. Sie sei aber ganz sicher nichts, was sich für uns wahrnehmbar auch in der Gegenwart vollziehe, dafür sei Evolution viel zu langsam und gehe in zu kleinen Schritten vonstatten.
Evolutionärer Wandel, so die weitverbreitete Meinung, benötigt lange Zeiträume, Äonen. Er ist keine Sache von Monaten oder Jahren, sondern von Jahrtausenden oder Jahrmillionen. So dachte auch Charles Darwin. Sein Sohn Leonard berichtete zwar, sein Vater sei davon ausgegangen, dass evolutionäre Veränderungen mindestens fünfzig Generationen benötigten, um feststellbar zu werden; bei kurzer Generationsdauer würde das also gerade noch in ein Menschenleben passen. Ansonsten aber gilt in der Regel Darwins Satz aus On the Origin of Species: »Wir sehen nichts von diesen langsam fortschreitenden Veränderungen, bis die Hand der Zeit auf eine abgelaufene Welt-Periode hindeutet (…).«
Also doch: Äonen, „Weltperioden“. Beweise für evolutionären Wandel kann demnach nur die Paläontologie mit ihren Fossilien liefern.
Es ist, als spielte sich beides auf völlig verschiedenen Zeitskalen ab: Auf der einen Seite der tägliche Überlebenskampf im Hier und Jetzt, die Auseinandersetzung mit den Elementen, mit Fressfeinden und Konkurrenten, die Suche nach Nahrung, nach Nist- und Ruheplätzen, das Werben um Partner, das biologische Alltagsgeschäft sozusagen, kurz: Tiere und Pflanzen in Wechselwirkung mit ihrer belebten und unbelebten Umwelt – das große Thema der Ökologie.
Auf der anderen Seite die Evolution, zuständig für Veränderung und das Überleben in erdgeschichtlichen Zeiträumen. In winzigen Schritten hat sie aus einfachen immer komplexere Lebewesen geformt und sich so lange an deren Details abgearbeitet, bis die Organismen perfekt zu den jeweiligen Lebensumständen passten. Sie spürt Ressourcen auf, die niemand zu nutzen weiß, und perfektioniert dann mit unendlich langem Atem alles, was es braucht, um sie so effektiv wie möglich auszubeuten.
Belegt wird dieser Wandel der Arten durch Abertonnen von Fossilien, die die Ausstellungsräume und Magazine der naturhistorischen Museen füllen. Sie dokumentieren die Fauna und Flora früherer Erdzeitalter, und manchmal zeigen sie, zum Beispiel in Form der berühmten Pferdereihe, die in hervorragend erhaltenen Fossilien alle Entwicklungsschritte vom Urpferdchen bis zum gegenwärtigen Hauspferd illustriert, wie Arten sich über lange Zeiträume veränderten und schließlich zu dem wurden, was wir heute kennen. Unterbrochen wurde die Entwicklung immer wieder durch katastrophale Ereignisse, die jeweils einen Großteil der existierenden Lebewesen ausradierten. Danach entwickelte sich das Leben jedes Mal über Millionen von Jahren zu neuer, noch reicherer Blüte.
Gerade bewegt sich die Erde mit vergleichsweise rasender Geschwindigkeit auf ein weiteres großes Massenaussterben zu, das sechste. Wie schlimm es werden wird, ist nicht abzusehen, zumal wir auf die Entwicklung noch maßgeblichen Einfluss nehmen können. Aber dass es geschieht, dass die biologische Vielfalt unseres Planeten in größter Gefahr schwebt, darüber kann kein Zweifel bestehen. Das dramatische Schwinden der Flora und Fauna ist eine Folge unserer zerstörerischen Landnutzung, der offenbar unkontrollierbaren weltweiten Verschleppung von Pflanzen- und Tierarten, das Ergebnis von Jagd und Wilderei und dem massiven Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Der Klimawandel wird diese globale Krise der biologischen Vielfalt noch verschärfen. Schon jetzt werden die Listen der vom Aussterben bedrohten Arten immer länger. Es ist aber nicht nur das Schicksal der seltenen Spezies, das uns Sorgen machen muss. Die Tierwelt stirbt in ganzer Breite, auch und gerade die häufigen Arten.5 Evolutionäre Prozesse als ein möglicher Ausweg aus diesen Krisen wurden und werden jedoch in der Öffentlichkeit kaum diskutiert.
Auch hier werden die unterschiedlichen Geschwindigkeiten angeführt: Biodiversitätsverlust und Klimawandel kämen in nie da gewesenem Tempo, Evolution gehe jedoch langsam vonstatten. Rettung für Pflanzen- und Tierarten sei deshalb aus dieser Richtung nicht zu erwarten.
Doch was wäre, wenn wir uns täuschten? Wenn wir die Macht der Evolution unterschätzten? Natürlich sind aus rattengroßen nachtaktiven Ursäugetieren nicht innerhalb weniger Jahre Blauwale, Tiger und Elefanten entstanden oder aus relativ kleinen Echsen die Dinosaurier, die größten und schwersten Landtiere aller Zeiten, sowie die Vögel. Für derart massive Veränderungen – die Fachleute sprechen von »Makroevolution« – brauchte es tatsächlich lange Zeiträume und viele Generationen.
Aber könnte Evolution nicht auch viel schneller ablaufen? Haben Ökologie und Evolution keine Berührungspunkte? Ist Evolution im Hier und Jetzt wirklich eine zu vernachlässigende Größe?
Die moderne Evolutionsbiologie beantwortet diese Frage mit einem entschiedenen Nein. Wo Leben existiert, vollzieht sich Evolution. Sie ist eine grundlegende Eigenschaft alles Lebendigen. Leben evolviert, immer, überall, zu jeder Zeit und an jedem Ort, unabwendbar, gestern, heute, morgen. Neu ist nur, dass in den letzten Jahrzehnten immer mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dabei zugesehen haben. Sie haben die Veränderungen beobachtet, vermessen, analysiert und dokumentiert und eine Unmenge an Beweisen angesammelt. Um die Bedeutung dieser Erkenntnisse hervorzuheben, sprechen manche sogar von einem »Paradigmenwechsel«. Aus dem unendlich trägen, in uralten Steinen überlieferten Phänomen von gestern ist etwas völlig anderes geworden: etwas Gegenwärtiges, Schnelles, Unerbittliches, nie Ruhendes, Effizientes und überaus Empfindliches. Davon handelt dieses Buch.
»Wir sollten nicht nur Dinosaurier im Kopf haben, wenn wir an Evolution denken«, empfiehlt der bekannte niederländische Evolutionsbiologe Menno Schilthuizen.
Recht hat er. Vielleicht denken wir in Zukunft auch an Guppys, diese kleinen Fische mit den langen, bunten Schwanzflossen, die jeder Aquarianer kennt, an Anolis-Echsen, Finken, Mäuse oder Schmetterlinge oder, wenn das alles zu klein und zu unspektakulär klingt, an Elefanten, die größten Landtiere unserer Zeit. Warum? Sie werden sehen …